Von Gerd Eisenbeiß, im Februar 2025
Ich möchte keinesfalls die vielen widerspruchsarmen Deutungen Trump´scher Persönlichkeit und Politik mit einer alternativen Interpretation widerlegen. Mir scheint aber einen Wesensaspekt zu wenig beachtet: Könnte es sein, dass Trump schlicht Angst hat vor der Undurchschaubarkeit der komplexen Wirklichkeit? Dass er Angst hat, dass seine massive Unkenntnis und mangelnde Analysekompetenz, die er einer offenkundigen Lernresistenz verdankt, auffliegen könnte, und er wie der Kaiser im Märchen endet, dessen nicht vorhandene Kleider jeder zu bewundern hatte? Denn er ist ein Anführer im doppelten Wortsinn: Er ist ein Führer geblendeter Massen und er führt sie an, wie man Kindern vom Osterhasen erzählt. Nutzt er nun seine Macht, die Welt so einfach zu machen, dass er sie verstehen und beherrschen kann?
So versteht er offenbar von Wissenschaft so wenig, dass er weder ihre gesicherten Ergebnisse einordnen kann noch ihren selbstkritischen Suchprozess kennt. Das gilt für Medizin und Ökologie ebenso wie für wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse und insbesondere die komplexe Koexistenz von vielen 100 Staaten und internationalen Organisationen.
Wer so im Nebel steht und doch den Kurs bestimmen will und nun auch kann, dürfte von Axt und Kettensäge träumen, um die Welt seinem Fassungsvermögen anzupassen. Für diese Sicht spricht auch seine Kabinettliste, die trotz erkennbar extremer Defizite an Qualifizierung von seinen Underlingen im Kongress gebilligt wird.
Eine Ausnahme ist der intellektuell weit überlegene Elon Musk. Er hat begriffen, wie blind der Präsident herumwütet, und versucht nun, die Fäden in seinem Sinne zu spinnen: Weg mit dem Staat! Alle Macht den „freien“ Märkten und seinen superreichen Herren! Zwar trugen die USA das Gewand eines demokratischen Verfassungsstaates, doch verbarg dies kaum die schon lange dominante Plutokratie; das „Trust“-Duo arbeitet nun an der Beseitigung dieses Gewandes.
Nun hat Trump als Millionärssöhnchen und Immobilienhai aber doch einige Dinge gelernt: Man muss nur herausfinden, womit andere erpressbar sind. Er dürfte bei diesen Manövern relativ transparente bilaterale Situationen wie bei einem Immobiliendeal bevorzugen. Dabei geht es ihm stets ums Gewinnen an sich; denn dass Kooperation aus 1 + 1 = 3 machen kann, gehört nicht zu seinem Repertoire.
Natürlich weiß Trump, dass nur ein armer Schlucker wie der Kollege in Argentinien eine Kettensäge braucht. Trumps Waffen kommen aus der bewährten Gangsterpraxis: „Kaufst du nicht bei mir zu meinen Bedingungen, mache ich dir dein Geschäft und deine Lebensgrundlagen kaputt. Als US-Präsident brauche ich dafür nur Zölle und die Angst meiner „Partner“, den Zugang zum US-Markt zu verlieren“. Oder in sicherheitspolitischer Dimension: „US-Schutz gegen andere Imperialisten in Moskau und Peking gibt es nur gegen untertänigste Huldigung und Gehorsam!“ Kennen wir nicht exakt diese Methoden nicht von Mafia und Triaden gegenüber Pizzerien und Chinalokalen?
Liebt er die Verbreitung von Angst so sehr, weil er selbst unter Angst leidet?
Zeigen Trumps jüngste Vorstöße zur „Lösung“ des Gaza-Konfliktes oder zur vereinfachenden Arrondierung der US-Territorien um Kanada und Grönland nicht eben diesen Wunsch, die Welt möge sich an die Usancen des Immobilienhandels anpassen, damit sie ihm verständlicher wird?
Trumps Wiederaufstieg zum Präsidenten, der keinerlei Machtbeschränkung mehr anerkennen will, war ja auch denkbar primitiven Strategien zu danken:
1) Beherrsche den öffentlichen Diskurs ohne Rücksicht auf Wahrheit und Anstand; „flood the zone with shit“, dann kann dich niemand mehr überfordern und du kannst dein Leben auf dem Golfplatz genießen.
2) Räume niemals eine Lüge oder einen Misserfolg ein, sondern wiederhole auch den gröbsten Unfug solange, bis deine Anhänger dafür durchs Feuer gehen.
3) Male die Gegenwart nicht nur als Hölle, sondern als Folge kriminellen Verhaltens deiner politischen Gegner und von Immigranten.
4) Male die Zukunft unter deiner Führung als Paradies, verwende ständig Wörter wie „großartig“ – vor allem für dich selbst -, und verspreche die Lösung aller Probleme in kürzester Zeit.
So hat Trump eine fast religiöse Gemeinde geschaffen, die es ihm erlaubt, das Gangsterprinzip der Disziplinierung durch Angst auch innenpolitisch sowie in der eigenen Partei zur Anwendung zu bringen: Wer nicht folgt oder widerspricht, wird als Abgeordneter im Kongress, als Gouverneur in Bundesstaaten oder auch als Staatsanwalt, Richter und einfacher Beamter Verfolgungen ausgesetzt und kann dann wohl seine weitere Karriere abschreiben. Bald werden wir amerikanischen Staatsbürgern Asyl zu gewähren müssen, die sich weigern, Trump-Lügen Wahrheit zu nennen und seinen Putschversuch von 2021 Patriotismus.
So wird nun mit MAGA nichts „Great“ sondern „Gruesome“:
Make America Gruesome Again.
Bereits jetzt nach wenigen Wochen ist Milliarden von Erdenbürgern gruselig, und zig Millionen spüren diese faschistoide und imperialistische Grausamkeit nach innen und außen. Denn Kettensägen sind brutale Werkzeuge, wenn sie ohne Verständnis der komplexen Waldökologie angewandt werden, und sogar blutig bei Anwendung auf Menschen.
Zurück zu des „Kaisers neuen Kleidern“, hier dem plutokratisch beschmutzten Verfassungsgewand einer US-Präsidentschaft: Wenn Trump auch aus Angst vor Entlarvung handelt, läge dann nicht ein Gegenrezept darin, deutlich zu publizieren, welches Trump-Bild in den Geschichtsbüchern der Zukunft wahrscheinlich ist? Kann es ihm und seinen jüngeren Anhängern egal sein, wie vernichtend diese Periode der US-Politik eines Tages beurteilt wird?
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