Jürgen Habermas hat einen beeindruckenden Essay zur sicherheitspolitischen Situation in Europa nach der aktuellen Zeitenwende vorgelegt. Kurz nach meiner Lektüre kam mir ein Bericht von lit.Cologne unter in die Augen, wo Ex-Außenminister Joschka Fischer zur Vorstellung seines Buches „Die Kriege der Gegenwart und der Beginn einer neuen Weltordnung“ interviewt wurde. Die Westdeutsche Zeitung zitiert Fischer aus diesem Gespräch mit diesem Satz zum Pazifismus:
„Angesichts eines brutalen Aggressors kommen Sie mit Singen sympathischer Lieder und Schweigekreisen nicht mehr weiter.”
Zynische Aussagen zur Haltung des Pazifismus sind en vogue – dennoch irritiert es mich immer erneut, eine solch herabsetzende Aussage zur Kenntnis zu nehmen. Komplementär dazu ist, so mein Eindruck, die Haltung eines strikten Bellizismus, der Konzept und langen Atem eines Mahatma Gandhi etwa sich nicht vorzustellen vermag.
Ausgestiegen aus dieser Atmosphäre von Gedankenlosigkeit und Geschichtsvergessenheit ist Habermas mit seinem Essay. Darin formuliert er etwas Zentrales, beispielhaft mit Bezug zur aktuellen Debatte in Deutschland um die Wiederaktivierung der allgemeinen Wehrpflicht. Das Ergebnis der zuständigen Arbeitsgruppe in den laufenden Koalitionsverhandlungen ist bekanntlich der diametrale Gegensatz zwischen „Aussetzung der Wehrpflicht beenden“ (Unionsparteien) und „Der neue Wehrdienst soll auf Freiwilligkeit basieren.“ (SPD). Habermas zur Unionsposition:
„In dieser Abschaffung der Wehrpflicht spiegelt sich ein weltgeschichtlicher Lernprozess, nämlich die auf den Schlachtfeldern und in den Kellern des Zweiten Weltkrieges gewachsene Einsicht, dass diese mörderische Form der Gewaltausübung menschenunwürdig ist – auch wenn dieses einstweilen letzte Mittel zur Lösung internationaler Konflikte, gewiss, politisch nur Schritt um Schritt abgeschafft werden kann. Mich erschreckt, von welchen Seiten die deutsche Regierung, die sich nun zu einer beispiellosen Aufrüstung des Landes anschickt, gedankenlos oder gar ausdrücklich mit dem Ziel der Wiederbelebung einer zu Recht überwunden geglaubten militärischen Mentalität unterstützt wird.“
Carl Friedrich von Weizsäcker, mit dem Habermas zusammen das Starnberger Max-Planck-Institut geleitet hat, hat diese Einsicht eine Stufe systematischer formuliert: „Nichts weniger als die Überwindung der Institution des Krieges ist notwendig“.
Im Anschluss an die mich ermutigende Lektüre des Habermasschen Essay habe ich auch die sog. „Debatte“ nachgelesen, in der führende deutsche Intellektuelle auf den Habermasschen Essay reagiert haben. Meine Suche nach einer Bezugnahme auf die zentrale, äußerst schmerzhaft errungene Einsicht, dass der Krieg eine menschenunwürdige Form der Konfliktaustrags sei, blieb erfolglos. Dabei sind sie es doch, die als die „Seite, … die unterstützt“ angesprochen wurde. Man freut sich nur, dass nun auch Habermas für Aufrüstung sei. Das auszudrücken, recht gehabt zu haben, gelingt dann auch wieder in von Zynismus triefenden Formen, professionell meisterhaft in der NZZ.
Zynismus ist bekanntlich eine, auch selbstschädigende, Haltung der Herabsetzung anderer. Sie verweist auf eine larvierte Depression. Für Journalisten, ein Berufszweig mit gespaltener Identität, müsste sie als Berufskrankheit akzeptiert werden. Soweit sind wir aber noch nicht. Die aktuell tonangebende Generation von Gelehrten will erst erneut selbst die desaströse Erfahrung machen, auf Schlachtfeldern und in Kellern.
Die von Luhmann so genannte „larvierte Depression“ gibt es tatsächlich nicht. Unter larvierter Depression fasste man anno Toback changierende körperliche Symptome zusammen. Nichts Genaues wusste man damals nicht. Das ist heute überholt und in der Mottenkiste abgelegt. Wer sich genauer informieren will, dem sei der ICD 10 der Klassifizierung von Krankheiten empfohlen. Wird international anerkannt und genutzt. Da es die larvierte Depression, wie sie Luhmann sich vorstellt, nicht gibt, fällt auch seine Empfehlung unter den Tisch, man solle diese als Berufskrankheit für Journalisten akzeptieren. In bedauerndem Ton schreibt Luhmann: „So weit sind wir aber noch nicht.“ Der Mystiker Thomas a Kempis wird der Spruch nachgesagt: „O quam citō transit glōria mundi.“ Genau!